Wachstum

· tar, den 22.03.09 in Finanzsystem

Es wird stets gefordert, als Lösung für alles hergenommen und jedes Jahr neu prognostiziert: Wachstum!

Wieso eigentlich? Was ist das überhaupt, was da gefordert wird?

Wachstum ist die Verhältnisbestimmung eines Bestandswertes im Vergleich zum Vorjahr.

Diese Definition gilt für das Bestandswachstum. Es wird aber Wirtschaftswachstum gefordert!

Wirtschaftswachstum ist die Differenz zwischen der Leistung der Vorperiode zur jetzigen Periode.

Ein Wirtschaftswachstum von 2% bedeutet also, dass dieses Jahr insgesamt 2% mehr als im Vergleich zum Vorjahr produziert worden ist.

Wenn wir von einem gleichbleibenden Produkt ausgehen - sich also dessen Produktionswert durch technologischen Fortschritt nicht erhöht hat - dann heißt 2% Wachstum nichts anderes, als dass sich die Produktionsmenge um nunmehr 2% erhöht hat. Es handelt sich also um eine Produktionsmehrung.

Beispiel Plastikstuhl:

Die Haltbarkeit eines solchen Stuhls beträgt bspw. in etwa 3 Jahre.

Vor 3 Jahren wurden bspw. 1.000.000 Plastikstühle in Deutschland produziert und abgesetzt.

Bei einem Wachstum von 2% wurden vor 2 Jahren 1.020.000 Plastikstühle produziert und abgesetzt.

Voriges Jahr wurden dann 1.040.400 und dieses Jahr 1.061.208 Stühle produziert und abgesetzt. Dieses Jahr mussten allerdings alle alten Stühle entsorgt werden, wodurch sich nun diese Tabelle ergeben würde:

Jahr Produktion Bestand  
-3 1.000.000 1.000.000
-2 1.020.000 2.020.000 (+102,00%)
-1 1.040.400 3.060.400 (+51,50%)
0 1.061.208 3.121.608 (+2%)
+1 1.082.432 3.184.040 (+2%)
+2 1.104.080 3.247.720 (+2%)
+3 1.126.162 3.312.674 (+2%)

Daraus geht nun hervor, dass das Wirtschaftswachstum nach kurzer Zeit mit dem Bestandswachstum korreliert, insofern sich beim Produkt selbst durch technologischen Fortschritt kein Wertzuwachs ergibt. Es müsste also immer mehr produziert und abgesetzt werden.

Ist dies überhaupt möglich? Ein Mensch benötigt nur eine bestimmte Anzahl von Stühlen. Diese Entwicklung muss also zwangsläufig in die Marktsättigung von Stühlen führen.

Desweiteren sollte klar sein, dass es rein logisch bei einem Stuhl keine technologische Verbesserung mehr geben kann. Man könnte zudem durch verbessertes Material in der Herstellung die Haltbarkeit des Stuhles steigern, was natürlich den Wert des Stuhles ebenfalls steigert. Die Folge? Der Bestand würde sich um díe komplette Produktion erhöhen.

Gehen wir bspw. davon aus, in diesem Jahr wird ein verbesserter Stuhl hergestellt, dessen Preis sich nicht ändert, der aber nun 4 Jahre hält.

Was passiert? Die Tabelle sieht nun so aus:

Jahr Produktion Bestand  
-1 1.040.400 3.060.400
0 1.061.208 3.121.608 (+2%)
+1 1.082.432 3.184.040 (+2%)
+2 1.104.080 3.247.720 (+2%)
+3 1.126.162 4.373.882 (+34,68%)
+4 1.148.685 4.461.359 (+2%)
+5 1.171.658 4.550.585 (+2%)
+6 1.195.092 4.641.597 (+2%)

Es müsste hier also der Absatz enorm steigen.

Da der Stuhl aber nun verbessert worden ist, hat sich sein Preis erhöht.
Gehen wir idealerweise von einem Drittel aus. Der Stuhl hält schließlich ein Drittel länger als vorher und die Nachfrage sei nachwievor hoch.

Demnach müsste also ein Drittel weniger produziert werden als vorher, um auf denselben Umsatz zu kommen.

Gehen wir also davon aus, im Jahr 0 fände ein Produktionswechsel statt:

Jahr Produktion Bestand  
-1 1.040.400 3.060.400
0 1.061.208 3.121.608 (alte Produktion)
0 707.472 2.767.872 (neue Produktion)

Die neue Tabelle sähe so aus:

Jahr Produktion Bestand  
-1 1.040.400 3.060.400
0 707.472 2.767.872 (-9,56%)
+1 721.621 2.469.493 (-10,78%)
+2 736.054 2.165.147 (-12,32%)
+3 750.775 2.915.922 (+34,68% wie oben, zu -1: -4,72%)
+4 765.790 2.974.240 (+2%)
+5 781.106 3.033.725 (+2%)
+6 796.728 3.094.399 (+2%)

Wir sehen also zunächst mal einen starken, wachsenden Bestandseinbruch bei gleichbleibendem Wirtschaftswachstum!

Nach dieser relativ kurzen Einbruchsphase, müsste hier ebenfalls der Absatz wieder enorm ansteigen - und zwar prozentual wie oben.

Realistisch betrachtet, müssen wir hier festhalten, dass diese Entwicklung natürlich nicht prompt vollzogen wird - sondern ein langsamer Produktionswechsel von statten geht. Und zwar damit sich der Absatzeinbruch - sowie der Absatzsprung in etwa ausgleichen können.

Bei direktem Vergleich stellt sich aber heraus, dass der Absatz dennoch einbrechen muss, und zwar hier um 4,72% nach unten.

Nur kurze Zeit später befindet sich der Bestand wieder auf demselben Niveau wie VOR dem Produktionswechsel. Damit ist klar: Der Absatz muss sich weiterhin dauerhaft erhöhen, um Wirtschaftswachstum zu gewährleisten!

In der Wirtschaftswachstumsbetrachtung werden natürlich nicht nur Stühle betrachtet, sondern verschiedenste Güter. Dabei können wir bei klarem Verstand davon ausgehen, dass es sich im Mittel beim technologischen Fortschritt aller Güter um eine logarithmische Kurve handelt. Eben weil man aus einem Stuhl kein Auto machen, sondern ihn höchstens marginal verbessern kann, was sich - wie oben betrachtet - kurzfristig auf den Bestand auswirkt.

Was könnte man noch tun?

Man kann den Preis von bestimmten Einzelstücken künstlich in die Höhe treiben. Und zwar, indem der Stuhl bspw. von einem Künstler entworfen oder hergestellt wird. Erhöht der Künstler nun ebenfalls seine Produktion, erreicht der Stuhl ebenfalls irgendwann eine Marktsättigung, da die Seltenheit des Einzelstückes - und damit der vormals hohe Preis, also die Wertschätzung der Käufer wegfällt. Dabei tritt, wie oben, irgendwann natürlich Marktsättigung ein.

Was bleibt übrig?

1) Künstliche Nachfrage schaffen! Bspw. in Form gesetzlicher Zwangsmaßnahmen, wie der CO2-Steuer.

2) Den Bestand regelmäßig vernichten, um die Nachfrage nach Gütern dauerhaft zu erhöhen! Bspw. über staatliche Subventionierung in Form einer sog. Abwrackprämie oder mittels direkter Sachwertvernichtung durch Krieg.

Warum ist dieser Irrsinn nun überhaupt erforderlich?

Wieso propagiert man Wachstum, wenn dies in 1) und 2) enden muss?

Dazu müssen wir zu den Zentralbanken gehen, die sich das seltsame Ziel der sogenannten Preisniveaustabilität gesetzt haben - und hiernach ihren Leitzins ausrichten. Durch diesen wird eine inflationäre Entwicklung angestrebt, und zwar um besagte 2%, weswegen ich diese auch im Beispiel verwendet habe.

Zitat aus Wikipedia:
Der Regierungsrat der Europäischen Zentralbank definiert Preisstabilität "als Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindexes (HVPI) für das Euro-Währungsgebiet von unter 2% gegenüber dem Vorjahr."

Die richtige Bezeichnung wäre demnach Preisniveauverfallsstabilität.

Warum?

Zitat Wikipedia:
Der Leitzins legt denjenigen Zinssatz fest, zu dem sich Geschäftsbanken bei einer Zentral- oder Notenbank gegen Verpfändung notenbankfähiger Sicherheiten oder unter Eingehung eines Wertpapierpensionsgeschäftes Zentralbankgeld beschaffen können.

Die Zentralbanken (ZB) vergeben also ZB-Kredite an Geschäftsbanken (GB). Diese können auf Basis dieser Kredite in Form einer Mindestreserve (MR) GB-Kredite an Nichtbanken, sowie an den Staat vergeben. Die Zinsen für diese GB-Kredite sollten den Leitzins natürlich übersteigen, da die GB noch andere Ausgaben haben, ein Risikoaufschlag existiert (bei Kreditausfall) usw. usf.

GB-Kredite werden aber immer nur dann genommen, wenn man konsumieren möchte. Ist ja auch logisch: Wenn ich nichts kaufen will, wozu brauche ich dann einen Kredit?

Beim Gewähren eines GB-Kredites gibt es nun mehrere Dinge, die man beachten muss. Dazu möchte ich auf BillHicks Beitrag verweisen und auf die Buchungsvorgänge innerhalb der GB.

Das Bargeld spielt bei unserer Betrachtung eine besondere Rolle:

Der GB-Kreditnehmer kann seinen Kredit von GB-Geld (GBG) in Bargeld wandeln, indem er sein GBG bspw. abhebt. Dabei entzieht er der Bank ZB-Geld, also die von der GB benötigten Mittel zur Kreditvergabe.

Findet dies in verstärkter Form statt, kann man von einem Bankrun sprechen, was direkt zur Insolvenz der GB führt.

Der Kreditnehmer konsumiert nun also in der Regel. Dabei passiert etwas Sonderbares: Das aus dem Kredit stammende Geld wechselt den Besitzer und landet beim Empfänger.

Der Empfänger hat nun mehrere Möglichkeiten (Empfängermöglichkeiten):

1. Er konsumiert ebenso und das Geld landet bei Empfänger 2 (er hat erneut alle Empfängermöglichkeiten).

2. Er ist Schuldner und zahlt eine Kreditrate samt Zins - der Teil zur Bezahlung der Kreditrate ist verschwunden, der Teil zur Zinstilgung befindet sich nun beim Zinsempfänger (dieser hat erneut alle Empfängermöglichkeiten).

3. Er hat derzeit keine Verwendung für dieses Geld und hortet es unter der Matratze oder baut einen Geldturm, den er öffentlich ausstellt. Dabei entzieht er dieses Geld temporär dem Wirtschaftskreislauf und es kann nicht mehr tilgungswirksam werden. Die GB möchte dies verhindern, da sie auf Bargeld angewiesen ist und vergibt demzufolge positive Guthabenzinsen, die aber unterhalb des Kreditzinssatzes liegen.

Falls dies dauerhaft gehortet wird, muss sich die Kreditnachfrage erhöhen, um das tilgungswirksame Geld zu ersetzen.

4. Er hat derzeit keine Verwendung für dieses Geld und spart es zunächst mal auf einem GB-Konto. Dabei entzieht er dieses GB-Geld ebenfalls temporär dem Wirtschaftskreislauf. Da er nachwievor jederzeit Anspruch auf dieses Geld hat, kann es die GB auch niemand anderem verleihen. Er könnte jederzeit abheben.

Falls dies dauerhaft gespart wird, muss sich die Kreditnachfrage erhöhen, um das tilgungswirksame Geld zu ersetzen.

5. Er hat sich umentschieden und legt das Geld nun langfristig an, weil er scharf auf die Zinsen ist. Es ist alles wie 4. Es fand lediglich ein Passivtausch statt (kurzfr. Verb. ... an ... langfr. Verb.). Die Zinsen werden gebucht und erhöhen damit das Guthaben.

Dieses erhöhte Guthaben stammt aus einer erhöhten Kreditvergabe.

6. Er verbrennt es - damit ist das Geld komplett dem Kreislauf entzogen und kann niemals tilgungswirksam werden.

Es muss sich die Kreditnachfrage erhöhen, um das tilgungswirksame Geld zu ersetzen.

Aus 3. - 6. folgt:

Die Kreditnachfrage muss steigen!

Da haben wir also den Schlamassel, wieso es Wirtschaftswachstum geben soll!

Wirtschaftswachstum dient also im derzeitigen Wirtschafts- & Finanzsystem, bedingt durch das Geldkonstrukt letztlich dazu, derartige Bilder zu vermeiden:

Das Paradoxe ist nur, dass wir uns dadurch regelmäßig die Finger verbrennen müssen. Nämlich durch Krieg.

Weitere Gedanken zum Wachstum samt grafischer Veranschaulichung findet man hier:

- Wachstum
- Nullwachstum
- Wirtschaftswachstum




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