Quelle: sueddeutsche.de
Heiligendamm ist nur die Schaumkrone einer neuen globalen Welle aus Stacheldraht. Eine Phänomenologie des Zauns
Es war noch nicht lang her, dass die Berliner Mauer gefallen war, zwei oder drei Wochen vielleicht. Wir beschlossen, einen Ausflug an die nun hinfällige innerdeutsche Grenze zu machen. Die stand nach außen noch in voller einschüchternder Pracht, gestaffelt mit Zäunen, Todesstreifen und allem was dazugehört - mit einem Unterschied: Man konnte jetzt direkt heran. Ganz trauten wir dem Frieden nicht, als wir mit dem Auto auf den zwei schmalen Betonspuren den Zaun entlangfuhren; aber hier, auf dem Patrouillenweg selbst, so dachten wir, wäre keine explodierende Mine zu befürchten.
Die Anlagen waren noch bemannt. An einem Wachturm hielten wir und stiegen aus, und der Posten kam herunter. Keiner wusste so recht, wie er sich in dieser neuen Lage verhalten sollte. Zögernd kamen wir doch ins Gespräch. Es drehte sich um die Grenze. Aber ,,Grenze‘‘ war nicht der Begriff, den der Wachsoldat verwendete; er sprach von der ,,Küste‘‘.
Ein merkwürdiges Wort, diese Küste! Es muss einmal der Einfall eines witzigen Kopfs gewesen sein; doch aller Witz war lang daraus verdunstet, und zurückgeblieben allein die eminente Brauchbarkeit der Prägung. Der Dienst des Wachpostens kann kein leichter gewesen sein, sein ganzes Dasein bezog sich allein auf die scharfe Linie im Gelände, Schneise und Schneide in einem; und während wir im Westen sie nach Herzenslust schmähen durften, musste er sie als sein eigenes Werk erkennen und rechtfertigen.
Hier sprang die Metapher ein. Wer an der Meeresküste steht, kommt auch nicht weiter, aber er sieht keinen Grund, dagegen aufzubegehren. Im Gegenteil, er hat seinen Urlaub so geplant, dass er genau hier stehen kann. Der Todesstreifen, von der täglich durchgezogenen Egge blankgespült wie von einer Brandung, war diesem Mann der Strand, und sein Meer die vom Thüringischen wenig verändert ins Fränkische fortgehende Landschaft mit ihren kleinen Wäldern und spitzen Kirchtürmen. Auf seinem Hochsitz durfte er sich fühlen wie ein Bademeister und Lebensretter auf seinem Ausguck: in tätigem Einklang mit der Natur.
So geht es wohl allen, die Zäune bauen, unterhalten, bemannen. Sie verwickeln sich in einen Akt der Gewalt; und müssen sich mit einem zweiten gewaltsamen Akt selbst dazu bringen, diesen Sachverhalt, sichtbar und unmissverständlich wie weniges sonst, für sich selbst zu etwas Normalem und geradezu Unsichtbarem, zu etwas sozusagen Natürlichem zu machen...